Boris Grevé bringt mit seinem Humor und pantomimischen Talent nicht nur Gehörlose zum Lachen.
Womit beschäftigst du dich aktuell?
Ich gehe bald in Pension. Ich habe über 27 Jahre als Chemielaborant beim Detailhandelsunternehmen Migros gearbeitet. Und ich lebe seit über 20 Jahren in der gleichen Wohnung in Dietikon. Ich bin am Überlegen, ob es mir guttun würde, mich räumlich noch einmal zu verändern. Ich brauche frischen Wind.
Wenn du viel Zeit hättest, was würdest du anpacken?
Zum einen würde ich gerne Ferien machen. Zum anderen möchte ich mich aber auch noch mehr beim Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen SZB und als freiwilliger Helfer von Beratungsstellen für Gehörlose engagieren. Ich bin bereits ehrenamtlich aktiv. Ich begleite Menschen, die eine Hörsehbehinderung haben, z. B. beim Einkaufen und versuche sie mit Humor etwas aus ihrem Alltag zu holen.
Wofür bist du dankbar?
Ich konnte seit der Lehre als Chemielaborant arbeiten. Ich habe v.a. bei der Migros viel Wertschätzung erhalten.
Was würdest du sagen, kannst du besonders gut?
Ich kann gut mit Menschen umgehen, für gute Stimmung sorgen und organisiere gern Ausflüge. Es fällt mir leicht, respektvoll mit Menschen umzugehen.
Wem hast du zuletzt ein Kompliment gemacht – und wofür?
Ich mache viel und gern Komplimente. Ich habe meiner Kollegin kürzlich ein Kompliment gemacht, weil sie eine bessere Reiseroute für uns herausgefunden hat.
Neulich ein Kompliment bekommen - wofür?
Ja, dass unser Pantomimeauftritt schön war. Und oft bekomme ich Komplimente, weil ich gute Ideen für Ausflüge habe und gut organisieren kann.
Ach ja, Komplimente bekomme ich auch oft, wenn ich Bastel-, Koch- oder Backkurse besuche. Das macht mir Spass und ich unterhalte mich gern mit Menschen.
Gibt es eine Gemeinschaft, eine Gruppe von Menschen, mit denen du dich besonders wohl fühlst?
Mir ist es wohl mit Menschen, die bescheiden und humorvoll sind. Mir ist es nicht wichtig, wie intelligent ein Mensch ist. Ich benutze die Gebärdensprache und bin gern mit Menschen unterwegs. In der Gehörlosengemeinde Zürich bin ich schon lange und ich fühle mich dort wohl.
Woran glaubst du?
Ich glaube an mich. Und ich glaube an Gott. Ich bete meistens für mich allein. Ich trage die Verantwortung für mich und mein Leben.
Ein barrierefreier Ort, den Du in den letzten 12 Monaten entdeckt hast?
Die Übersetzung in Gebärdensprache und Untertitel beim SRF sind für mich sehr wichtig und wertvoll. Das ermöglicht mir Teilhabe.
Nutzt du ein Hilfsmittel? Falls ja, warum ist es für dich wichtig?
Ich habe während 10 Jahren ein Cochlea-Implantat getragen. Ich bin gehörlos geboren, hatte aber einen Tinnitus. Das war der Grund, warum ich das Cochlea-Implantat wollte. Der Tinnitus wurde besser, aber die vielen Geräusche haben mich sehr angestrengt und ich hatte oft starke Kopfschmerzen. Deshalb trage ich das Implantat gerade nicht immer. Aber ich möchte es gern besser einstellen lassen, damit ich wählen kann.
In der Gehörlosen-Community brauche ich kein Implantat, aber in der Kommunikation mit Hörenden hilft es. Manchmal ist Stille schön, aber nicht immer. Ich mag es Musik oder Vögel zwitschern zu hören. Dafür trage ich dann auch das Implantat.
Welchen Tipp würdest du einer Kirchgemeinde geben, damit sich Menschen wie du angesprochen fühlen?
Ich spiele mit meinen Freund Rolf Ruf Pantomime, auch in Kirchgemeinden. Das hilft, Verständnis füreinander zu entwickeln, ganz ohne Worte.
Und der Gebärdensprachdolmetscher ist für mich sehr wichtig. Sonst verstehe ich kaum etwas, auch wenn ich gut von den Lippen ablesen kann.
Was wünschst du dir von der Kirche?
Ich wünsche mir mehr Seelsorger, die Gebärdensprache sprechen. Oder wir Gehörlose auch selbst ausgebildet werden, um Seelsorge auf einfache Weise leisten zu können. Der Dolmetscher übersetzt simultan, ohne Gefühle zu zeigen. Es ist schwierig, sich da wirklich zu öffnen.
Welchen Beitrag glaubst du, könntest du in der Gesellschaft leisten oder leistet du bereits?
Ich bin bereits als Freiwilliger unterwegs und möchte das noch etwas mehr machen. Ich habe besonders die Gehörlosen und Hörgeschädigte im Blick. Darunter sind viele Menschen, die einsam sind und denen es nicht so gut geht. Ich organisiere Ausflüge und sorge für Abwechslung und gute Stimmung.
Möchtest du noch etwas sagen?
Mitmachen lohnt sich und niemals aufgeben.